Vom Yin und Yang und der Osteopathie

Der Zeitgeist hat es in sich: Es ist schwer und in vielem gar nicht möglich, den eigenen, also den Kosmos der einen selber fraglos zu tragen scheint, zu verstehen oder gar loszuwerden. Die Akupunktur entstand zu einer Zeit der Naturphilosophie - man nahm an, dass alles beseelt sei und nannte die alles zum Leben erweckende Kraft "Qi". Die Osteopathie entstand im stark religiös geprägten mittleren Westen der USA im 19. Jahrhundert. Man mag über manches der Terminologie lächeln; die Prinzipien, denen Osteopathie und eben auch die Akupunktur folgen, haben eine beträchtliche Aktualität und Ähnlichkeit:

 

Teil und Ganzes

Sie gehen davon aus, dass der Organismus ein Ganzes bildet, das mehr ist als seine einzelnen Teile und umgekehrt, dass seine Teile tief in das Gesamtgeschehen eingebettet, dieses in seiner Gesamtfunktion beeinflussen. Beiden Systemen zu eigen ist die Vorstellung, dass es "Läsionen" oder "Dysfunktionen" (Osteopathie) bzw. "Blockaden" (Akupunktur) gibt, die aufgelöst werden müssten. Der Grund ist doppelter Natur: zum einen befördere dies - so die Vorstellung - die Gesundheit des Patienten wodurch - zum anderen - der gesündere Organismus mehr Kraft habe, geeignet mit dem Krankheitsgeschehen umzugehen.

 

Struktur und Funktion (fernöstlich: Yin und Yang)

Das Gehen beispielsweise oder die Temperaturregelung stellen die lebendige Seite der Struktur des Organismus - ihr Funktionieren dar; Fernöstlich versteht man sie als Ausdruck des Yang, der Bewegung. Und umgekehrt: Der Bewegungsapparat oder der Kreislauf und die Haut mit ihren Poren … sind die körperliche Basis aller Lebensprozesse; fernöstlich das Yin. In der Osteopathie führte das zu dem Streit, ob nun Struktur oder Funktion bedeutsamer sei. Fernöstlich entzieht sich dieser Streit unserem Wissen - überliefert sind v.a. die Ergebnisse. Eines ist das Verstehen des Lebensprozesses als Ausbildung einer Struktur mit immer facettenreicheren Funktionen, die in sich dann wieder langsam zusammenfällt - mit der Beeinträchtigung des Funktionierens.

 

Selbstregulation (fernöstlich: Das Dao (der "Weg") - als der dem Leben eigene Geschehensprozess)

Die Basis aller Lebensprozesse ist die Fähigkeit von Organismen mit sich verändernden Herausforderungen auf sich und ihre Umwelt bezogen umzugehen. Bin ich unterzuckert, so entsteht ein Hungergefühl und ich suche was zu essen - das gilt bereits für die kleinsten Einzeller. Bin ich krank, so funktioniert irgendetwas in diesem Regulationshaushalt nicht mehr richtig - also beispielsweise kann meine Körperabwehr nicht sofort einen bestimmten Erreger oder Erregerstamm brauchbar begegnen, sie muss sich für diese Aufgabe erst neu aufstellen. Das therapeutische Ansinnen beider Richtungen - auch der Osteopathie, wenn sie chiropraktisch eingreift - ist das Ausschalten der Blockade um dem Organismus die Möglichkeit zu geben bzw. diese zu erleichtern dann in weiteren Schritten ein besseres Gleichgewicht wiederherzustellen.